„Greifen Sie zu!“: Eine Performance-Satire mit Gerhild Steinbuch und Elisa Müller

Ein persönlicher Bericht über die zehnte CON_TEXT Veranstaltung mit Gerhild Steinbuch und Elisa Müller, von Christian Gröschel

 

„Mir brauchen Sie gar nix erzählen!“ So beginnt der Herr Karl in dem gleichnamigen Stück von Helmut Qualtinger und Carl Merz seinen Monolog. Herr Karl ist ein Jedermann, der sich erstmal ganz sympathisch gibt, dann aber sich zunehmend als egoistischer Profiteur, kalter Opportunist und ehemals Nazi (aus Eigennutz) herausstellt. Die Autoren hielten mit dieser Figur den Österreichern 1961 einen Spiegel vor und sorgten für großes Aufsehen, fühlten sich viele doch deutlich auf den Schlips getreten.

Die Schriftstellerin und Dramaturgin Gerhild Steinbuch und die Schauspielerin und Performancekünstlerin Elisa Müller erzählen uns heute Abend in der Lettrétage gleich mindestens zwei Geschichten. Mit ihnen halten sie ebenfalls einen Spiegel in der Hand, den sie mal der jeweils anderen, mal dem Publikum vor Augen halten. Die beiden Künstlerinnen mischen nicht nur Fakt und Fiktion, sondern vor allem allerlei Geschichten (und Fragmente von Geschichten) in Schrift, Worten und Bildern. Und während eine Geschichte vorgetragen wird, entsteht die andere als Schrift und Bild an die Wand projiziert und umgekehrt, mal zugleich, mal linear oder in wiederholenden Schleifen, als Kommentar oder als Echo. Die Ränder sind unscharf, die Geschichten überlappen, verheddern und kreuzen sich, ufern hier und da aus. Mal folge ich der einen, dann der anderen, dann beiden oder finde die eine in der anderen wieder. Völlig trennen kann ich sie gar nicht, greife aber hier und da Einzelnes aus dem, was ich lese, höre und sehe, heraus und mache mir meinen eigenen Reim.

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Im Gespräch: Alternative Fiction

Daniela Seel im Gespräch mit Gerhild Steinbuch und Elisa Müller

 

Daniela Seel: Zum Einstieg ins Projekt gab es ja dieses „Speeddating“ ‒ was hat euch füreinander eingenommen?

Gerhild Steinbuch: Ich fand interessant, dass es in unserem Gespräch gleich um formale Setzungen ging. Also weniger so datingmäßig: Man präsentiert die eigene Arbeit und muss sich verkaufen, sondern es ging relativ schnell darum: Was ist ein Lesungsformat, wie kann man damit performativ umgehen? Dann auch, dass wir beide aus dem Theater- oder Performancebereich kommen, aber aus unterschiedlichen Richtungen. Das fand ich eine spannende Kombination.

Elisa Müller: Mir ging’s ähnlich. Man hatte ja mehrere Gespräche an dem Tag, und ich fand es dann erfrischend, mit Gerhild zu sprechen, da sie eben aus dem Theater kommt. Wobei man meinen könnte, da sind jetzt zwei zusammen, die eh schon wissen … Aber so ist es nicht, eben weil wir aus unterschiedlichen Richtungen kommen und sie etwas ganz anderes macht, etwa Texte schreiben, während wir die Texte improvisieren. Ich arbeite nie mit Autor*innen zusammen. Viele von Gerhilds Texten werden dagegen eher stadttheatermäßig umgesetzt. Insofern gab es eine große Nähe und die Möglichkeit, sich über etwas zu verständigen ‒ über die performative Situation, über die Theatersituation ‒, und gleichzeitig genug Differenzen. Und auch das politische Interesse, dass wir gemerkt haben: Wir haben ähnliche Themen auf der Agenda. „Im Gespräch: Alternative Fiction“ weiterlesen

Hab keine Angst. Und benutze deine Haare

Vera Kurlenina im Gespräch mit Marion Breton, Tatiana Ilichenko, Barbara Marcel, Tom Nóbrega und Érica Zíngano über die neunte CON_TEXT Veranstaltung „The Hairy Goddess‘ Misstory“

Wir treffen uns im weißen Raum der Lettrétage, den meine Gesprächspartner(innen) gerade für die Aufführung von „Hairy Goddess‘ Misstory“ dekorieren. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, aus Alltagsgegenständen sind konstruktivistisch anmutende Installationen entstanden. Érica Zíngano ist dabei, kleine, akribisch beschriftete Plastiktüten mit Menstruationsblut zu sortieren, deren Abbilder später mit einem optischen Bildwerfer an die Wand projiziert werden. Die fünf Künstler(innen) haben eine Regel für das Interview aufgestellt, angeblich um das Chaos zu bewältigen: Wir werden ein „Kommunikationsrohr“ verwenden, ein Stück weißes Sanitärrohr. Wer es in der Hand hat, hat maximal drei Minuten Redezeit und darf nicht unterbrochen werden.

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Any questions?

A report by Sieglinde Geisel on the ninth CON_TEXT event by Érica Zingano, Tatiana Ilichenko, Marion Breton, Barbara Marcel and Tom Nóbrega ‘The hairy goddess’ misstory.’ Translated from German by Hester Underhill.

 

We take off our shoes because the Lettrétage space has been transformed; the floor has been covered with soft cling film, and in some areas with bubble wrap that crackles under foot, ‘Watch out for the glass’ is written on red tape. On the wall is a dark red bathrobe supspended from a hanging balance, a wreath on a loop ‘In loving memory OIKOS.’

All kinds of things are lying about in the room: an old fashioned TV set with a small propeller ventilator, a red rimmed clock on the wall displaying the wrong time, and on an old speaker I discover a perfume spray, a bottle of ketchup and a bottle of mayonnaise. Art or everyday? In a corner I find a heap of dirty cutlery, along with sponges and washing up liquid and next to it a kind of altar with candles in a shell, flowers and matches. And now real art, or at least not everyday items: diagonally at eye level in a scrolling sprawl of script, of which I can only manage to glean individual phrases. Apocalypse… Big Bang… army of the encrypted angels… hairy goddess… A disco ball rains stars over us, dry ice, faint blue light. We sit on the floor and watch what happens. The evening is named ‘The hairy goddess’ misstory’ a collaborative work by visual artist Tatiana Ilichenko (Russia) and poet and video artist Érica Zingano (Brazil), performed with assistance from Marion Breton (France), Barbara Marcel (Brazil) and Tom Nobrega (Brazil). In transparent white plastic overalls, the performers move through the room, a voice rings out from offstage in an English that isn’t easy to understand. We’re in an elevator the voice tells us, relaxation… sudden muscle contractions… the heart stops… body convulsions… end of an era… Europe is a sinking ship… At one point I pick out the word zombies.
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Noch Fragen?

Ein Bericht von Sieglinde Geisel zur neunten CON_TEXT Veranstaltung „The hairy goddess‘ misstory“

 

Wir ziehen die Schuhe aus, denn der Raum der Lettrétage ist verwandelt: Der Boden ist mit zarten Plastikfolien belegt, an einigen Stellen ist es Luftpolsterfolie, die knistert, wenn man draufsteht, „Vorsicht Glas“ steht auf roten Klebstreifen. An der Wand hängt ein dunkelroter Bademantel an einer Hängewaage, ein Kranz, auf der Schleife „In lieber Erinnerung OIKOS“.

In dem Raum liegt und steht so allerlei herum: ein alter Röhrenfernseher mit einem kleinen Propellerventilator, an der Wand eine rot umrandete Uhr mit falscher Uhrzeit, und auf einem großen Lautsprecher entdecke ich ein Duftspray („Denk mit!“), eine Flasche Ketchup und eine Flasche Mayo. Kunst oder Alltag? In einer Ecke finde ich einen Haufen schmutziges Geschirr, samt Schwämmchen und Spülmittel, daneben eine Art Altar mit Christbaumkerzen in einer Schale, Blumen, Streichhölzer. Und jetzt doch Kunst, oder jedenfalls nicht Alltag: Diagonal auf Augenhöhe ein Schriftzug mit ziemlich schnell abgespultem Lauftext, es gelingt mir nur, einzelne Begriffe aufzuschnappen. Apokalypse … Big Bang … army ot the encrypted angels … hairy goddess… Eine Diskokugel lässt Sterne über uns regnen, Trockeneis, bläuliches Licht. Wir sitzen auf dem Boden und schauen, was passiert.

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